Herausforderungen heute

„Der Auftrag der Schule bestimmt sich aus dem Recht des jungen Menschen auf Förderung seiner Anlagen und Erweiterung seiner Fähigkeiten, unabhängig von seiner Religion, Weltanschauung oder ethnischen Herkunft, einer Behinderung, seinem Geschlecht oder seiner sexuellen Identität sowie aus dem Anspruch von Staat und Gesellschaft an Bürgerinnen und Bürger zur Wahrnehmung von Rechten und Übernahme von Pflichten hinreichend vorbereitet zu sein.“ (Schulgesetz RLP, §1, Abs. 1)

Seit jeher besitzen die Schulen einen Bildungs- und Erziehungsauftrag. Lange Zeit kam gerade an den Gymnasien dem Bildungsauftrag dabei wohl die größere Bedeutung zu, ist es doch auch das Ziel dieser Schulform, mit dem Abitur die Zugangsberechtigung zur Universität zu vermitteln. Auch in der Schulgeschichte des FSG kann man erkennen, wie der jeweilige Bildungsauftrag – Gymnasium, Gymnasium mit gemeinsamer Orientierungsstufe mit der Realschule, Gymnasium mit gemeinsamer Orientierungsstufe mit der RS+, G8-Gymnasium mit gemeinsamer Orientierungsstufe mit der RS+, G8-Gymnasium – das Lernen und Arbeiten an der Schule geprägt hat. 

Erziehung und Fürsorge am FSG

Doch nicht erst seit der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass auch an den Gymnasien neben dem Bildungs- der Erziehungsauftrag und darüber hinaus in meinen Augen auch ein gewisser Fürsorgeauftrag eine immer größer werdende Aufgabe darstellt. Das gilt vermutlich an einem Ganztagsgymnasium wie unserem in noch viel stärkerem Maße als an einer klassischen Halbtagsschule, wo die allermeisten Schüler und Lehrer in der Mittagszeit den Ort des gemeinsamen Lehrens, Lernens und Erziehens verlassen.

Durch die gemeinsame Mittagspause, die AG-Zeit mit den Kindern, durch das Essen in der Mensa und den anschließenden Unterricht am Nachmittag besteht eine deutlich intensivere Beziehung zwischen allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft vor Ort. Durch die längere gemeinsame Zeit bekommen wir Lehrer viel mehr mit, was die Kinder beschäftigt, sie mit Sorge erfüllt oder ihnen Freude bereitet, worin ihre Schwächen, aber auch, worin ihre Stärken bestehen. Umgekehrt gilt natürlich das Gleiche: Unsere Schülerinnen und Schüler kennen ihre Lehrerinnen und Lehrer und insgesamt die Schulgemeinschaft viel besser, auf eine viel persönlichere Weise, als das an einer Halbtagsschule der Fall ist. 

Sicherheit geben

Verstärkt durch die Corona-Pandemie und durch den Krieg in der Ukraine nehmen unsere Kinder und Jugendlichen ihre Lebenswelt zunehmend als unsicher und unberechenbar wahr. Und das in einer Zeit der individuellen Reifung, in der die Kinder und Jugendlichen viel mit dem eigenen Erwachsenwerden, der eigenen Entwicklung und Veränderung beschäftigt sind. Nicht wenige zeigen in dieser Situation Symptome einer mal weniger, mal stärker ausgeprägten Überforderung, die sich in vielfältiger Weise äußern und sichtbar werden kann. In dieser Situation unseren Schülerinnen und Schülern Sicherheit und Berechenbarkeit zu geben, das ist eine wesentliche Erziehungs-, aber eigentlich eher Fürsorgeaufgabe unserer Schule und vielleicht eine der zentralen Herausforderungen an die Institution Schule für die nächsten Jahre.

Der Begriff der Resilienz, der Widerstandsfähigkeit einer Person in schwierigen Lebenssituationen, ist nicht ohne Grund seit den 2000er Jahren zu einem Leitbegriff in den Wissenschaften geworden. Unsere Kinder und Jugendlichen resilienter zu machen, ihnen Strategien zur Bewältigung von krisenhaften Situationen zu vermitteln, ist inzwischen zumindest in unserer Praxis tatsächlich auch zur Aufgabe der Schule geworden. Doch darf bei der Stärkung des Einzelnen, so wichtig dies auch ist, die Fähigkeit des Einzelnen, sich in das Zusammenleben einer sozialen Gemeinschaft einzufügen, nicht verlorengehen. Nach Corona zeigte sich, dass grundlegende Fähigkeiten in der Arbeitshaltung, sich ausdauernd mit einer Sache zu beschäftigen, konzentriert oder fokussiert an einer Fragestellung zu arbeiten, ebenso bei vielen zurückgegangen sind wie soziale Fähigkeiten, z. B. sich wieder in einem durchaus engen sozialen Raum, wie einer Klassengemeinschaft, ein- und darin zurechtzufinden.

Rücksicht nehmen, eigene Bedürfnisse zurückstellen, zählten zu den Fertigkeiten, die bei Vielen erst wieder erlernt werden mussten bzw. immer noch erlernt werden müssen. Die Gewährleistung eines vielfältigen Beratungsangebots am FSG soll der Schulgemeinschaft im Gesamten dienen. Die Arbeit mit Schulsozialarbeitern, das Beratungsangebot des schulpsychologischen Dienstes sowie die Tätigkeit unserer Verbindungs- und Beratungslehrkräfte ist eine absolut tragende Säule des Friedrich-Spee-Gymnasiums.

Demokratieerziehung

Respektvoll sein, Rücksicht nehmen, tolerant sein, andere Meinungen hören und sich mit diesen ernsthaft und kritisch auseinandersetzen, Zivilcourage zeigen und mutig sein – dies sind Werte, für die das FSG auch in Zukunft stehen will. In der Vermittlung dieser Werte wollen wir damit auch einen Beitrag zur Demokratieerziehung der Kinder und Jugendlichen leisten.

In der Praxis wird es wichtig sein, den Kindern und Jugendlichen eigene Erfahrungen im geschützten Rahmen der Schule zu ermöglichen. Sie müssen sich selbst in unterrichtlichen Zusammenhängen ausprobieren, in Projekten Ideen nachgehen, gemeinsam mit anderen diskutieren, Ziele erreichen, aber auch lernen, mit dem Scheitern umzugehen. In unserer Ganztagsschule bieten sich dafür Möglichkeiten, im Unterricht, in den AGs oder im Angebot außerschulischer Aktivitäten. Darüber hinaus verfügt die Schülerschaft mit der Schülervertretung (SV) über ein Organ, das prädestiniert dafür ist, eigene Erfahrungen in demokratischen Strukturen zu sammeln. Das Einbringen in die Schulgemeinschaft und die Mitgestaltung der Schule sind zentrale Angebote an die Kinder und Jugendlichen. 

Wenn wir ernsthaft wollen, dass unsere  Schüler mitgestalten, heißt das für uns Lehrer, dass wir uns zurücknehmen müssen. Auch wir müssen uns offen für Ideen und Anregungen zeigen, müssen auch einmal eigene Handlungsmuster überdenken und uns einlassen auf Ideen und Vorhaben der Schülerinnen und Schüler.